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«Unsere Armee ist keine Verteidigungsarmee mehr»
May 2026

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Bericht

Mit diesem Satz brachte Bundesrat Martin Pfister am UBS Center Wirtschaftspodium auf den Punkt, was viele nicht aussprechen wollen: Die Schweiz hat ihre Verteidigungsfähigkeit in den Jahrzehnten der Friedensdividende stillschweigend aufgegeben und ist sich dessen kaum bewusst. Rund 800 Besucherinnen und Besucher folgten im Kongresshaus Zürich einer Diskussion, an der Stimmen aus Wirtschaft und Politik ausloteten, was die neue Weltunordnung für die Sicherheit in der Schweiz und für den Wirtschaftsstandort bedeutet und was jetzt zu tun wäre.

Den analytischen Rahmen setzte Frau Botschafterin Alexandra Baumann, Leiterin der Abteilung Wohlstand und Nachhaltigkeit im EDA, in ihrem Impulsreferat. Die Welt werde fragmentierter, gefährlicher, weniger regelbasiert und das verlange von der Schweiz eine klare Antwort. In einer transaktionalen Weltpolitik, in der das Recht des Stärkeren gilt, ist Glaubwürdigkeit das entscheidende Kapital eines kleinen Staates, so ihre Kernthese. Diese Glaubwürdigkeit entsteht nur durch jahrzehntelange Konsistenz und ist nicht durch einzelne Auftritte wiederherstellbar. Für die Schweiz heisst das: Festhalten an Werten, wie Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, und zwar nicht trotz der schwierigen Weltlage, sondern gerade wegen ihr. Und die Bilateralen III nicht als politischen Kompromiss begreifen, sondern als strategische Notwendigkeit.

Die Schweiz als Handelsnation: Standhaft oder bewegungslos?

Botschafterin Baumans Analyse bildete den Rahmen für das erste Panel, auf dem es um die Verletzlichkeit der Schweiz als offene Handels- und Finanznation ging. Für Monika Rühl (economiesuisse) besteht das aktuelle Kernproblem in der absoluten Willkür. Niemand wisse, was morgen passiert. Für eine Volkswirtschaft mit einer Exportquote, die jene Deutschlands übersteigt, ist das existenziell. Unternehmer Marco Sieber bestätigte das aus der Unternehmenspraxis. Der Irankrieg habe Rohstoffpreise im Kunststoffbereich massiv verteuert. Die Blockade der Strasse von Hormus trifft nicht nur die Energieversorgung, sondern auch globale Lieferketten, mit direkten Folgen für Schweizer Unternehmen.

Bei den Bilateralen III debattierten die Panellisten kontrovers. Sieber, Mitglied von Kompass Europa, sieht in der dynamischen Rechtsübernahme eine schwere Hypothek – EU-Recht werde direkt in den Binnenmarkt übernommen, auch für Unternehmen ohne Exportbezug. Ständerätin Eva Herzog (SP) entgegnete, der Status quo sei keine Option, das europäische Recht entwickle sich weiter, mit oder ohne die Schweiz. Ökonomin Alexandra Janssen äusserte einen grundsätzlicheren Einwand: Der Wohlstand der Schweiz gründe auf ihren Institutionen. Wer glaube, sich der EU angleichen und trotzdem gleich erfolgreich bleiben zu können, sitze einem Irrtum auf. Einig war man sich am Ende in einem: Nostalgie ist keine Strategie. Was es stattdessen braucht, formulierte Janssen so: «Etwas mehr Optimismus, Mut und vor allem unternehmerisches Engagement.»

Sicherheit: Zwischen Lähmung und Aufbruch

Thomas Süssli, ehemaliger Chef der Schweizer Armee, eröffnete das zweite Panel mit einer einfachen, aber unbequemen Feststellung: Die Zeitenwende ist eingetreten, und in dieser Welt gleichzeitig reich und schwach zu sein, ist eine schlechte Voraussetzung. Europa rüste bis 2030 für rund 800 Milliarden auf. Die Schweiz debattiere noch, ob sie ein Prozent des BIP überhaupt je erreichen wolle. «Wir dürfen kein Loch sein in der europäischen Sicherheitsarchitektur», sagte er, kurz nachdem die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Schweiz als Sicherheitsrisiko für Europa bezeichnet hatte.

Nationalrätin Maja Riniker (FDP) sprach von politischer Lähmung: Das Parlament agiere nicht, der Bundesrat priorisiere zu wenig. NZZ-Militärexperte Georg Häsler ortete das Problem strukturell. Der Schweiz fehle der Grundkonsens in drei wesentlichen Fragen – Verhältnis zu Europa, Neutralität und militärische Unterlegung der liberalen Demokratie. Die geografisch zentrale Lage der Schweiz, Häsler nannte sie die «Herzkammer Europas», mache das Vakuum umso gefährlicher.

Eine Aussenperspektive lieferte Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Europaparlaments. In Brüssel spiele die Schweiz sicherheitspolitisch kaum eine Rolle, stellte sie fest. Geografisch ja, politisch nein. Ihre grösste Sorge sei ohnehin nicht ein konventioneller Angriff, sondern die gesellschaftliche Spaltung. Häslers Idee einer «Alpenunion» nach dem Vorbild der nordischen NORDEFCO – eine Sicherheitskooperation der Alpenanrainer, ohne NATO-Beitritt –, stiess bei ihr auf Zustimmung.

Die Botschaft des Panels war unmissverständlich: Die Schweiz kann sich nicht auf andere verlassen, weder auf die NATO, noch auf die EU, noch auf das Prinzip der Neutralität. Verteidigungsfähigkeit ist keine Kriegsvorbereitung, sondern die Voraussetzung dafür, Krieg zu verhindern.

Pfister: Glücksdividende und Zusammenrücken

Bundesrat Martin Pfister skizzierte in seiner abschliessenden Rede die sicherheitspolitische Zäsur und machte unmissverständlich klar: Die Schweiz muss handeln. Sein Finanzierungsvorschlag, eine Mehrwertsteuererhöhung um 0,8 Prozentpunkte auf zehn Jahre befristet, sei ein «fast halsbrecherisches Projekt», aber ein notwendiges, das ohne parlamentarische Unterstützung kaum mehrheitsfähig sein werde.

Bemerkenswert war Pfisters gesellschaftliche Diagnose. Warum fällt der Schweiz die Anpassung so schwer? Die fehlende Kriegserfahrung und der grosse Wohlstand hätten die Bereitschaft geschwächt, den Wandel anzuerkennen. In Finnland oder Polen spüre man die veränderte Weltlage körperlich, in der Schweiz noch nicht. Was er fordert, ist deshalb mehr als Aufrüstung. Es braucht ein Ende der Polarisierung, einen neuen Dialog zwischen Wirtschaft und Politik «so wie es die Politik nach dem Zweiten Weltkrieg war».

Mit diesem Satz brachte Bundesrat Martin Pfister am UBS Center Wirtschaftspodium auf den Punkt, was viele nicht aussprechen wollen: Die Schweiz hat ihre Verteidigungsfähigkeit in den Jahrzehnten der Friedensdividende stillschweigend aufgegeben und ist sich dessen kaum bewusst. Rund 800 Besucherinnen und Besucher folgten im Kongresshaus Zürich einer Diskussion, an der Stimmen aus Wirtschaft und Politik ausloteten, was die neue Weltunordnung für die Sicherheit in der Schweiz und für den Wirtschaftsstandort bedeutet und was jetzt zu tun wäre.

Den analytischen Rahmen setzte Frau Botschafterin Alexandra Baumann, Leiterin der Abteilung Wohlstand und Nachhaltigkeit im EDA, in ihrem Impulsreferat. Die Welt werde fragmentierter, gefährlicher, weniger regelbasiert und das verlange von der Schweiz eine klare Antwort. In einer transaktionalen Weltpolitik, in der das Recht des Stärkeren gilt, ist Glaubwürdigkeit das entscheidende Kapital eines kleinen Staates, so ihre Kernthese. Diese Glaubwürdigkeit entsteht nur durch jahrzehntelange Konsistenz und ist nicht durch einzelne Auftritte wiederherstellbar. Für die Schweiz heisst das: Festhalten an Werten, wie Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, und zwar nicht trotz der schwierigen Weltlage, sondern gerade wegen ihr. Und die Bilateralen III nicht als politischen Kompromiss begreifen, sondern als strategische Notwendigkeit.

Die Schweiz als Handelsnation: Standhaft oder bewegungslos?

Botschafterin Baumans Analyse bildete den Rahmen für das erste Panel, auf dem es um die Verletzlichkeit der Schweiz als offene Handels- und Finanznation ging. Für Monika Rühl (economiesuisse) besteht das aktuelle Kernproblem in der absoluten Willkür. Niemand wisse, was morgen passiert. Für eine Volkswirtschaft mit einer Exportquote, die jene Deutschlands übersteigt, ist das existenziell. Unternehmer Marco Sieber bestätigte das aus der Unternehmenspraxis. Der Irankrieg habe Rohstoffpreise im Kunststoffbereich massiv verteuert. Die Blockade der Strasse von Hormus trifft nicht nur die Energieversorgung, sondern auch globale Lieferketten, mit direkten Folgen für Schweizer Unternehmen.

Botschafterin Alexandra Baumann, Chefin der Abteilung Wohlstand und Nachhaltigkeit des EDA
Botschafterin Alexandra Baumann, Chefin der Abteilung Wohlstand und Nachhaltigkeit des EDA
Erste Paneldiskussion mit Eva Herzog, Monika Rühl, Marco Sieber, Alexandra Janssen und Moderator Urs Gredig (vlnr)
Erste Paneldiskussion mit Eva Herzog, Monika Rühl, Marco Sieber, Alexandra Janssen und Moderator Urs Gredig (vlnr)
Thomas Süssli, ehemaliger Chef der Schweizer Armee
Thomas Süssli, ehemaliger Chef der Schweizer Armee
Zweite Paneldiskussion mit Georg Häsler, Maja Riniker, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Thomas Süssli und Moderator Urs Gredig (vlnr)
Zweite Paneldiskussion mit Georg Häsler, Maja Riniker, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Thomas Süssli und Moderator Urs Gredig (vlnr)
Bundesrat Martin Pfister
Bundesrat Martin Pfister

Zitate

Unsere Ausbildungsarmee ist keine Verteidigungsarmee mehr.
Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS
Bundesrat Martin Pfister
Glaubwürdigkeit ist nicht wiederherstellbar durch einen grossen Auftritt, sondern sie entsteht nur durch jahrzehntelange Konsistenz.
Chefin der Abteilung Wohlstand und Nachhaltigkeit des EDA
Botschafterin Alexandra Baumann
Als eines der reichsten Länder nur ein Prozent für die Verteidigung ausgeben und gleichzeitig von bewaffneter Neutralität sprechen – das ist ein Etikettenschwindel.
NZZ
Georg Häsler
Nostalgie ist keine Strategie. Das muss man der Schweiz noch viel mehr sagen als vielen anderen Ländern.
Basel-Stadt (SP)
Ständerätin Eva Herzog
Ich glaube, wir können nicht meinen, dass es uns, wenn wir uns gleich organisieren wie die EU, dann in zehn Jahren immer noch so gut geht.
CEO Ecofin Portfolio Solutions AG
Alexandra Janssen
Wir müssen die Verteidigungsfähigkeit wiederherstellen. Wir schützen unser Land nicht, wir schützen unsere Bevölkerung nicht.
Aargau (FDP)
Nationalrätin Maja Riniker
Die Willkür ist etwas, was mir grosse Sorgen macht. Die andere grosse Sorge ist, dass wir heute Differenzen wieder vermehrt über Kriege austragen.
Vorsitzende der Geschäftsleitung, economiesuisse
Monika Rühl
Was wir machen müssen: Wir brauchen Agilität, wir brauchen den Standortvorteil. Der muss verteidigt werden.
Mitinhaber, Siga Holding AG
Marco Sieber
In dieser neuen Welt gleichzeitig reich und schwach zu sein, ist eine ganz schlechte Voraussetzung.
ehemaliger Chef der Armee
Thomas Süssli
Meine persönliche Sorge, dass diese Gesellschaft auseinanderfliegt, ist viel grösser, als dass uns hier morgen eine Rakete trifft.
Vorsitzende Verteidigungsausschuss Europaparlament
Marie-Agnes Strack-Zimmermann

Presse

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